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Fjällräven Classic 2008 :: Der Bericht

Achtung, hier geht es zum Bericht aus dem Jahr 2009

Vorwort:

Aufgrund der Seitenzugriffe habe ich gesehen, dass mir im Internet ein besonderes Interesse zuteil kommt.

Da gibt es zum Beispiel ein Forum, wo sich Leute darüber auslassen, dass ich nie dabei gewesen bin und hier eh nur dummes Zeug schreibe oder sie versuchen gleich, eine Art Enthüllungsjournalismus zu betreiben.

Gleichzeitig erklären sie aber, dass sie selbst niemals an solch einer Tour teilnehmen würden.

Bei der Classic sieht man reichlich Leute, die sich masslos überschätzen und vorher mit dem Mund alles können.

Ich berichte so, wie ich es erlebt habe und wie ich es empfinde. Und jeder darf selbst entscheiden, ob er nur reden will oder den Hintern aus dem Sessel bekommt.

Ich habe an der Fjällräven Classic mittlerweile zwei mal teilgenommen und werde auch im kommenden Jahr teilnehmen, einfach, weil es Spass macht, auch wenn dieser nachfolgende Bericht sich noch etwas anders liest.

Viel Spass beim lesen.

Ich habe es getan.

Nach 14 Monaten Vorbereitungszeit habe ich es vollbracht und schreibe nun hier meine Erlebnisse in Lappland auf.

Die Fjällräven Classic ist ein Bergwanderlauf im schwedischen Fjäll über eine Distanz von 110 km.

Die Goldmedaille gibt es für jeden, der innerhalb von 72 Stunden ins Ziel kommt. Silber für alle, die es innerhalb von 96 und Bronze innerhalb von 120 Stunden schaffen.

Eines kann ich vorab schonmal sagen: Der Lauf hat nichts, aber auch gar nichts, mit dem beschaulichen Familienausflug gemein, der in der Promotion DVD von Fjällräven gezeigt wird.
Der Lauf ist hart und unerbittlich. Und das ist nicht nur meine alleinige Meinung.
Ich habe in den letzten Monaten immer auf die Distanz und das Gewicht des Rucksacks trainiert aber niemand hat mir gesagt, dass der Weg eigentlich gar kein Weg ist, sondern ein einziges grosses Geröllfeld.

Aber ich möchte jetzt einfach meinen Gedanken freien Lauf lassen und so berichten, wie ich es empfunden habe.

6.08.2008 – Ankunft in Kiruna

Ich fahre mit dem Linienbus vom Flugplatz nach Kiruna City.

Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens.

Der Busfahrer erklärt mir, dass ich einfach nur die Strasse rauf gehen soll, dann käme ich schon zu meinem Hotel, dem Hotelcamp Ripan.

Ich bin müde, musste ich doch heute morgen um 0300 Uhr aufstehen, weil mein Flug um 0650 ging.

Dann, plötzlich sehe ich es:

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Das soll es dann wohl sein. Mit einem Freibad – im Nordpolarkreis – naja, die wollen da oben halt auch mal schwimmen gehen.

7.08.2008 – Checkin

Am folgenden Tag muss ich zum Check-In der Classic.
Die Organisation ist bisher richtig gut, das muss ich sagen.

Nahrung, Karte, Kleinzeug, Benzin – alles bekommt man und alles ist im Startpreis von 145 Euro inbegriffen.

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Bei der Anmeldung hat noch die Firma Natur Kompaniet, ein schwedischer Outdooraustatter, einen kleinen Laden aufgebaut, wo man noch alles kaufen konnte, was not tat.

Ich kaufte mir einen ganzen Schwung Powerriegel, die ich später noch gut brauchen konnte.

8.08.2008 – Der Start in die Hölle

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Wir fahren morgens um 0700 Uhr von Kiruna mit dem Bus nach Nikkaluokta zum Startpunkt.

Es ist bewölkt und kalt, vielleicht 10°C.

Erstmal den Rucksack wiegen – 25kg – verdammt! Ich habe einen Fehler gemacht.

Zu Hause habe ich 18kg gewogen aber nicht bedacht, dass ja noch Trockennahrung, eine Kamera und Wasser

dazu kommen.

Nur gut, dass ich immer mit 25kg trainiert habe.

Nach und nach finden sich die insgesamt 400 Teilnehmer ein, die mit mir zusammen in der ersten Gruppe starten.

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Wir erhalten den Wanderpass und die orange Signalflagge, die uns als Teilnehmer auszeichnet und im Notfall verwendet werden kann, um damit zu winken.

Ich bin müde, habe die letzten beiden Nächte kaum geschlafen.

Um 0945 singt eine Sami, also eine „Lappländerin“, ein Lied.

Keine Ahnung, was sie singt, vielleicht wünscht sie uns Glück oder sowas.

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Dann ist es 1000 Uhr und urplötzlich sind alle weg.

Ich habe mit Martin vereinbart, dass wir etwas später starten, so 20 nach 10 oder so, weil wir keine Lust auf das Gedränge haben. Der Wanderpfad ist anfangs recht schmal und wenn sich da 400 Leute durchzwängen, gibt es eben Gedränge.

Zumal in der ersten Gruppe viele Ultramarathonläufer dabei sind, die die Strecke in unter 24 Stunden laufen werden und natürlich gleich Gas geben.

Aber Martin ist weg. Keine Ahnung, wo er steckt. Naja, er ist ja beauftragt, Fotos zu machen, vielleicht knipst er irgendwo.

Ich gehe um 1020 dann mal los. Müde und gar nicht sicher, ob ich es packe. Ich lasse es einfach mal auf mich zu kommen.

Zuerst geht es durch einen schönen Birkenwald und das Wetter klart auch auf.

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Dann passiert etwas, wofür ich mich noch verfluchen werde.

Der Weg wird steinig. Nein, ich glaube, steinig ist das falsche Wort.

Ich habe eher den Eindruck, jemand hat alles Geröll, alle Felsen, alle Steine jeder Grösse hier rangekarrt und dann irgendwann gesagt: Jetzt ist es ein Weg um Menschen zu schinden.

Schnell tun mir die Füsse weh, da man kaum mehr einen normalen Schritt machen kann.

An der ersten Brücke holt Martin mich dann ein.

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„Was ist das denn für ein scheiss Weg hier?“ frage ich Martin, der letztes Jahr schon mitgelaufen ist.

„Ein steiniger, aber warte ab, das wird noch schlimmer und bis zum Ende auch nicht besser.“

Na klasse.

Bei Kilometer 5 denke ich das erste mal daran, aufzugeben. Die Füsse brennen schon.

So hatte ich nicht trainiert.

Das halte ich nicht noch 105 Kilometer durch.

Aber bei Kilometer 6 erreichen wir Lap Donalds und machen erstmal Rast auf einen Rentierburger.

Darauf freute ich mich schon ein Jahr lang.

Aber nicht nur wir machen Rast, verdammt viele andere auch. Immerhin ist es jetzt richtig warm geworden.

Bestimmt um 20 Grad herum.

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Martin muss noch Fotos machen, ich gehe alleine weiter. Er wird mich später wieder einholen.

Der Weg wird jetzt schnell einen Vorgeschmack auf das geben, was noch kommen wird.

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Bei Kilometer 10 kann ich schon kaum noch weiter. Ich raste an einem Fluss. Martin holt mich ein und ich stelle fest, dass ich in meinen MSR Benzinkocher aus versehen Spiritus getankt habe.

Verdammt, er brennt nicht richtig. Na das sollen ja noch tolle Tage werden.

Jetzt denke ich ernsthaft über einen Abbruch nach.

Ich schleppe mich mühsam bis zum ersten Checkpoint bei Kilometer 19 durch, streckenweise gehe ich mit Martin gemeinsam.

Bei Kilometer 18 treffe ich auf ein Paar aus England. Sie humpelt und stöhnt herzzerreissend und er fragt mich, ob ich solch einen schlechten Weg erwartet habe.

Nein, habe ich nicht. Er sagt, dass sie nicht weiter können. Seine Frau hat Blutblasen zwischen den Zehen, die bestimmt genauso gross sind, wie die angrenzenden Zehen.

Ich habe mein GPS-Receiver dabei und weiss, wir sind etwa noch einen Kilometer vor dem ersten Checkpoint entfernt.

Wir schnappen die Frau in unsere Mitte und schleppen sie den einen Kilometer weiter.

Die ersten schlagen hier schon ihre Zelte auf.

Die Engländer bringen in Erfahrung, dass das Ausfliegen vom Checkpoint nur rund 60 Euro kostet, wenn man mit einem Versorgungsflug zurückfliegt. Die Kebnekaise-Fjällstation wird vollkommen aus der Luft versorgt und am nächsten Morgen um 0900 Uhr können die beiden raus.

Ich überlege, ob ich mit soll.

Nein, ein wenig versuche ich noch. Mir tut zwar alles weh aber nach so viel Vorarbeitwollte ichdoch noch etwas davon haben. Allerdings nicht so, wie es kommen sollte.

Da kommt auf einmal der Hubschrauber an und bringt Nachschub an Lebensmittel für die Station.

Mensch, der tankt doch bestimmt Kerosin oder Flugbenzin. Beides kann mein Kocher verbrennen.

Aus dem Mut der Verzweiflung renne ich zum Piloten, in der Hoffnung, dass er mir irgendwie einen halben Liter Brennstoff geben kann.

Da kommen schon die Arbeiter mit einem Quad angefahren, um den Hubschrauber zu entladen. Noch besser. Ich frage und ja, sie wollen mir Sprit geben. 1:25 2 Takt-Gemisch. Scheissegal, hauptsache, ich kann meinen Kocher benutzen.

Nun kam gleich wieder Frust auf.

Die ersten Marathonläufer der nächsten Startgruppe von 1700 Uhr erreichen die Fjällstation. Um 1930.

Die brauchen 2 1/2 Stunden, wofür ich 9 gebraucht habe.

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Martin ist derweil schon vorgelaufen, wir wollten uns später treffen um gemeinsam zu übernachten.

Dabei haben wir uns irgendwie missverstanden.

Er wollte unterhalb des Kebnekaise übernachten um morgens Fotos zu machen.

Ich ging aber über eine Brücke, einen Kilometer unterhalb seines Zeltplatzes und der Wildwasserfluss war ohne Brücke einfach nicht zu überqueren.

Naja, egal, ich ziehe also weiter und suche mir einen anderen Zeltplatz.

Dabei habe ich noch einige Kilometer geschafft und finde einen schönen Platz, abends gegen 2300 Uhr.

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In der Nacht fing es dann an zu regnen und es sollte die kommenden 2 Tage auch nicht mehr aufhören.

Ich war so müde, ich konnte kaum das Zelt aufbauen. War mir auch egal, hauptsache noch schnell einen Tee machen und dann gleich ins Bett…den Schlafsack.

Die Füsse taten weh, die Beine, die Schultern, der Rücken.

Lange schlief ich nicht, vielleicht 3,4 Stunden.

Der Wind zerrte an meinem Zelt, der Regen prasselte dazu darauf.

Früh morgens ging ich weiter. Anfangs klappte das noch recht gut, doch später sollte ich mich nur noch voranschleppen.

Jetzt war es mir klar. Ich breche hier ab. Ich schaffe es nicht. Dauerregen, Kälte, unwegsames Gelände, Schmerzen überall.

Um 1150 Uhr erreichte ich Checkpoint 2, Singistugan. Hier liessen sich gerade welche ausfliegen. Super, ich fliege auch mit zurück.

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Oder doch nicht? Soll ich es wenigstens noch zum nächsten Checkpoint versuchen?

Ich bin hin und hergerissen. Kann mich nicht entscheiden.

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Dann fliegen sie weg.

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Wehmütig schaue ich Ihnen hinterher.

Sie werden jetzt etwa in 15 Minuten dort sein, wo ich vor 1 1/2 Tagen zu Fuss gestartet bin.

Der nächste Checkpoint, Sälkastugan, ist ja nur 12,5 Kilometer weiter. Ich kann es ja mal versuchen.

Was soll ich sonst hier, wenn ich jetzt aufgebe und mein Flug nach Hause erst in ein paar Tagen geht?

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Das die Station gefühlte 10.000 Meter höher liegt und der Weg zur Höchstform aufläuft, hat mir aber niemand gesagt.

Von jetzt an ging es abwechselnd durch knöcheltiefen Schlamm oder über Geröllfelder.

Im Schlamm konnte man besser laufen dafür waren hier Milliarden von Mücken.

Kaum, dass man auch nur eine Sekunde stehen blieb, schon formierten sich die Mücken zu schwarzen Wolken und stürzten auf uns ein. Selbst mein Antimückenzeug (Deet 50%) hielt maximal die Hälfte der Mücken davon ab, auf mir zu landen und kurz vorher abzudrehen. Vielleicht kommt ja daher der Name? Man weiss es nicht.

Die Mücken waren so agressiv, sie haben durch die Kleidung hindurch gestochen. Am Ende sollte ich über 100 Mückenstiche auf der Schulter zählen, genau an den Schultergurten des Rucksacks vorbei. Insgesamt wurden es an die 200 Stiche am ganzen Körper.

Irgendwann brach ich ab, baute mein Zelt auf und legte mich erstmal hin.

Ein paar Stunden später wurde ich wach, es schüttete wie aus Kübeln.

Aber was sollte ich machen? Mir tat immer noch alles weh aber sollte ich im Zelt auf besseres Wetter warten?

Also raus und urplötzlich hörte es auf zu regnen, die Sonne schaute kurz durch die Wolken und bescherte den schönsten Regenbogen, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe.

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Ich schleppte mich weiter. Der nächste Checkpoint ist das Tjäktja Basislager Sälkastugan und -Mensch-, oben auf dem Tjäktjapass habe ich die Hälfte des Weges geschafft! Das versuche ich jetzt mal. Und wenn es nicht klappt, dann kann ich mich ja immer noch ausfliegen lassen.

Unterwegs treffe ich auf 2 Finnen, die ihr Lager aufgeschlagen hatten.

„Sie sehen müde aus, Sie sollten schlafen gehen“ rief mir einer der Finnen zu.

„Nein, ich will noch ein Stück versuchen!“

„Noch 3 Kilometer, dann kommt Sälkastugan, da gibts Rentiersteak und eine Dusche!“

„Echt? Dann versuche ich das noch!“

„Viel Glück!“

Endlose 3 Kilometer weiter sehe ich ein Licht im Berg. Sälkastugan!

Endlich. Auf diesen 3 Kilometern habe ich mir unzählige Male geschworen, in meinem ganzen Leben niemals mehr als einen Kilometer zu Fuss zu laufen. Ich habe mich verflucht, ich habe alle anderen verflucht. Ich habe mich wund gelaufen, die Füsse kaputt gelaufen, die Hüften schmerzten unsäglich. Aber bald sollte es eine heisse Dusche geben. Ich war durchnässt und fror aber bald, bald sollte es die Dusche geben.

Ich glaube, unterwegs liefen sogar mal Tränen. Wegen der Schmerzen, wegen der Wut auf mich selbst, solch einen Wahnsinn mitzumachen, wegen der Wut auf alle anderen, die mich nicht davon abgehalten haben, wegen der Wut auf die Welt. Ich dachte, ich komme gleich zum Checkpoint und bitte irgendwen, mich zu erschiessen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war am Ende.

Jetzt im nachhinein glaube ich, man kann mir nur nachfühlen, wenn man selbst einmal an dem Punkt war, mental und physisch so am Ende zu sein, wie ich es jetzt war.

Und es sollte noch schlimmer kommen.

Ich erreichte die Hütte, sah aber das Fjällräven-Zelt nicht. Ich wollte nichtmal 5 Meter Umweg gehen.

Da kam mir jemand entgegengelaufen.

„This way!“ und deutete in eine Richtung. Da war der Checkpoint.

Sofort kam ein Mitarbeiter der Firma Primus an, die dort auch ein Zelt hatten und fragte mich, ob ich einen Kaffee wollte oder einen Tee, er habe auch was zu essen.

Mensch, das tat gut, dass da jemand war, der sich um mich kümmerte. Immerhin lief ich den ganzen Tag schon alleine, nur mit mir selbst beschäftigt.

„Ich will erstmal mein Zelt aufbauen und dann eine Dusche. Ist die noch in Betrieb?“

Man muss wissen, dass das heisse Wasser nicht einfach aus der Wand kommt, wie bei uns, sondern unter einem Kessel Feuer gemacht wird. Ja, er glaubt, die gibts noch. Super, ich runter zum Zeltplatz, mein Zelt aufgebaut und da kam der Primusmensch angelaufen.

„Das tut mir wirklich leid aber die Dusche ist schon aus. Aber die Sauna hat noch so 40 Grad, da könnte ich mich aufwärmen.“

Eine Welt brach für mich zusammen.

Ich habe mir dann noch diverse Tassen Kaffee geholt und Rentiergeschnetzeltes mit Kartoffelsalat und Preisselbeeren. Und dann noch einen Karottenkuchen.

Nun kamen noch drei Marathonläufer an, die ebenfalls einen Kaffee nahmen. Und ihre Wunden verarzteten.

Man, da gehts mir ja noch richtig gut gegen. Sie bandagierten ihre Knie, die Knöchel, tapeten ihre Füsse.

Ich ging dann ins Zelt.

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Das erste mal seit Tagen schlief ich richtig gut. Bestimmt bis 0900 Uhr.

Die Dusche sollte es jedoch erst ab 1600 Uhr geben.

Ich schnorrte mir noch diverse Tassen Kaffee, weil ich schlichtweg keine Lust hatte, den Kocher anzuwerfen.

Eigentlich war meine Motivation völlig im Eimer. Warum ich dann aber einfach gestartet bin, weiss ich gar nicht mehr.

Vielleicht hatte ich mich damit abgefunden, einfach laufen zu müssen.

Vielleicht, weil der Tjäktjapass nur noch 5km entfernt war.

Unterwegs fiel mir ein, dass ich heute morgen die Unterhose nicht gewechselt hatte.

Ein marzialischer Fehler, wie sich sehr bald herausstellen sollte.

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Ich spürte es beim Aufstieg auf den Tjäktja als das geronnene Blut der Unterhose sich von dem der Beine mit einem Gefühlten rrrrrrrrrratsch trennte.

Ich sah Sterne leuchten, nein, es war mehr ein Blitzlichtgewitter, und sackte kurz in mich zusammen.

Ich weiss gar nicht, warum aber ich dachte nicht mehr ans aufgeben. Ich nahm die Rolle meines Klopapiers und legte das auf die blutenden Stellen.

Weiss der Teufel, warum ich meine Mullbinden nicht genommen habe. Ich habe in dem Moment nicht mehr gedacht, nur noch gehandelt.

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Dann habe ich es doch irgendwie geschafft, ich stehe oben auf dem Tjäktjapass, ich habe genau die Hälfte des Weges hinter mich gebracht. Ich bin fertig, körperlich, mental, überhaupt.

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Es ist eiskalt, es windet, es regnet.

Ich muss hier runter, so schnell wie möglich, denn ich friere.

Ich laufe wie in Trance und erreiche irgendwann den Checkpoint Tjäktja.

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Irgendwer sagt zu mir „Good work!“ – das baut mich etwas auf.

Ich werde gefragt, ob ich dort bleiben will. Nein, ich will nicht, ich will weiter. Ich will endlich raus aus den verdammten Bergen. Mir ist zu kalt.

Spät am Abend erreiche ich endlich endlich endlich den Checkpoint Alesjaurestugan. Es regnet noch immer aber es ist nicht mehr so kalt.

Hier gibt es eine Sauna und eine Dusche und die hat sogar noch geöffnet.

Hier rächt sich jetzt meine blöde Idee mit dem Klopapier zum Blut aufsaugen. Denn das hat sich schön in die Wunden gerieben. Und die sogenannte „Dusche“ ist ein Raum, in dessen Mitte ein grosser Kessel steht, unter dem ein Ofen ist.

Rings um mich rum turnen etliche andere Leute, Männlein wie Weiblein. Wie sollte ich mich da standesgemäss verarzten?

Also notdürftig mit der Wasserkelle abgespült. Aber besser als gar nichts.

Die Sauna ist im Prinzip schön gelegen. Oben auf einem Berg und runter zum Fluss geht eine Treppe, wo man dann im eisigen Wasser des Flusses baden kann.

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Am nächsten Morgen starte ich wieder durch nach Kieron, dem letzten Checkpoint vor dem Ziel.

Es sollten 17,5km werden – endlose 17,5km.

Die Beine offen, faustgrosse Blasen unter den Fussohlen, kaputte Hüften und durch das angespannte Laufen fingen jetzt auch die Knie richtig an zu schmerzen.

Die Blasen an den Füssen wurden nur einigermassen erträglich, als ich mir die Füsse mit Gaffatape eingewickelt habe, wodurch ich aber in den Schuhen anfing, hin und her zu rutschen. Nicht gerade toll, da jetzt der Abstieg aus den Bergen beginnen sollte. Ausserdem ging mein Blutzuckerspiegel urplötzlich drastisch in den Keller, hatte ich doch seit 2 Tagen kaum etwas gegessen.

Genaugenommen hatte ich mich in 2 Tagen von einer Tüte Erdnüsse und einer Portion Rentiergeschnetzeltem ernährt, weil einfach nichts rein ging.

Jetzt machten meine Muskeln schlapp. Die Beine sackten einfach weg.

Also 2 Powerriegel und 6 Ibuprofen 200 runterwürgen, danach ging es dann aber wieder.

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Endlich taucht Kieron vor mir auf.

Unterwegs machte ich eine umfangreichere Pause, weil nichts mehr ging. Ich hatte schon seit Stunden gar kein Gefühl mehr in den Zehen.

Ich hörte zwei Deutsche als ich da im Gras lag.

„Guck mal, da isser wieder und schläft.“

„Ja, der sah heute Mittag schon fertig aus. Der machts nicht mehr lang!“

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Hier war wieder ein Zelt von Primus und sie machten Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade und Sahne.

Als ich zwei Portionen bekommen habe, kam der grosse Hunger und ich machte mir eine Curryhuhnmahlzeit.

Und jetzt wurde mir eines bewusst.

Wenn ich bis morgen früh um 1000 Uhr ins Ziel kommen würde, dann bekäme ich eine Silbermedaille.

Es sind noch 17,5km bis zum Ziel. Und jetzt war es 1900 Uhr.

Also ging ich schlafen und wollte gegen 0200 Uhr starten. Nach all den Anstrengungen, den Wunden, den Schmerzen war das Ziel auf einmal so nahe, ich könnte es schaffen.

Um halb eins nachts wurde ich wach.

Ich schnorrte mir noch einen Kaffee und die Primus-Damen wünschten mir Glück.

Zum Glück hatte ich eine kleine Maglite dabei, denn mitten in der Nacht einen Abstieg aus den Bergen im Wald war kein Zuckerschlecken.

Ich lief und lief und lief. Ich litt Schmerzen. Und dann kam ein Schild: 10,5km zum Ziel!

Und ich lief weiter. Naja, laufen würde ich das nicht nennen, ich schlich eher vor mich hin.

Und dann sah ich das Ausgangstor des Kungsleden vor mir.

Und es passierte etwas, was ich gar nicht von mir kannte.

Ich fing an, Rotz und Wasser zu heulen.

Ich weiss nicht, warum. Weil es vorbei war? Weil die Schmerzen so gross waren? Weil ich es geschafft hatte? Weil ich es in nur 4 Tagen geschafft hatte?

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Als ich am Morgen des 12.08.2008 um 0634 Uhr nach 92 Stunden, 34 Minuten und 8 Sekunden ins Ziel kam, applaudierten alle Anwesenden und unter Beifall überquerte ich die Ziellinie.

Es war vorbei – es war endlich vorbei.

Ich organisierte mir in der Touriststation ein Zimmer, ging aber erstmal unter die -lauwarme- Dusche.

Hier sah ich einen Trupp Soldaten, die kurz vor mir ins Ziel kamen. Sie hatten die Distanz in irgendwas um 20 Stunden geschafft. Um Gottes Willen, deren Füsse sahen aus wie ein Schlachtfeld. Mit denen wollte ich nicht tauschen.

Überhaupt gab es einige wirklich heftige Ausfälle.

Ich sah unterwegs eine Frau, die hatte an der Achillessehne herauf Blase über Blase. Der Fersenballen hatte sich vom Fleisch gelöst und hing einfach herab.

Ein vorbeilaufender Soldat leistete erste Hilfe und tapete ihr die Haut wieder an den Fuss.

Sie wurde nachher ausgeflogen.

Jetzt, wo ich diesen Bericht schreibe und zu Hause sitze, sind immer noch rund 400 Leute im Fjäll unterwegs.

Es sollen am Schluss über 300 Teilnehmer sein, die unterwegs aufgegeben haben. Von über 2100, die gestartet sind.

Ich sah Verletzungen, die mir immer noch den Magen umdrehen lassen.

Es war eine unglaubliche Tortur aber es war auch eine Erfahrung. Denn ich bin sicher, ich für meinen Teil bin über meine persönlichen körperlichen und geistigen Grenzen hinaus gegangen.

Aber es gab immer wieder einige kleine Momente des Glücks und der Freude.

Zum Beispiel als in Kieron 2 Männer aus dem Harz zu mir kamen und mich fragten, ob ich der bin, der diese Seite hier schreibt. Sie haben mich anhand meiner Packliste erkannt. Der Smalltalk tat wirklich gut. Auch wenn ich zu müde war um ein umfangreicheres Gespräch zu führen und wir leider nicht mehr dazu kamen, uns intensiver zu unterhalten.

Jungs, danke, dass Ihr mich einfach so angesprochen habt! Es war schön!

Abschliessend möchte ich als Mahnung an mich selbst einen Brief schreiben, der mich zukünftig erstmal nachdenken lassen soll, bevor ich solch eine Dummheit ein zweites mal machen will. War es eine Dummheit? Ich weiss es nicht. Um bin um viele Erfahrungen reicher heim gekehrt.

Lieber Klaus,

wenn Du nochmal in Deinem Leben auf die total bescheuerte Idee kommst, etwas zu machen, was mindestens zwei Hausnummern zu gross für Dich ist, dann frage Dich vorher, ob es das wert ist.

Frage Dich, ob es das wert war, dass Du 14 Monate trainiert hast, Du 13 Kilo abgenommen hast, dass Du faustgrosse Blasen an den Fussohlen hattest, dass die Innenseiten Deiner Oberschenkel ausgesehen haben wie Hackfleisch mit Ketchup, dass Du Deine Zehen heute immer noch nicht spürst, dass Du Dich total durchnässt durchs Fjäll geschleppt hast, Dich die Mücken selbst durch das T-Shirt ausgesaugt haben, dass Du mit Wadenkrämpfen gelaufen bist, Du die letzten 16km mit Magenkrämpfen gelaufen bist, Du Dich 2 Tage lang nur von einer Tüte Erdnüssen ernährt hast, Du angefangen hast, wie ein kleines Kind zu heulen, als Du ins Ziel kamst.

War es das wert, als der Outdoormensch von Primus zu Dir kam und sagte: „Wir haben Dich oben in den Bergen gesehen und auf Dich gewettet, wie lange Du noch machst. Niemand hat geglaubt, dass Du jemals ins Ziel kommst. Respekt. Wie hast Du das gemacht?“.

Erinnerst Du Dich an den Applaus der anderen, als Du am 12.08.2008 morgens um 0634 Uhr ins Ziel gekommen bist und als der Checkpointmensch Dir zur Silbermedaille gratulierte?

War es das alles wert?

Wenn es das war, dann tu es wieder!

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Nachträge:

20.08.2008 – Der Start der ersten Gruppe wurde im Fernsehen übertragen. Das Video kann hier angesehen werden

28.08.2008 – Der komplette Trip als GPX-Datei